Von der Kunst, das richtige Maß zu finden ... ein Bericht von Heidi Scharf-Giegling
Das erste Treffen der AG 60+ im Willy-Brandt-Haus am 7. März fand so großen Anklang, wie schon lange nicht mehr: viele Gäste und großer Diskussionsbedarf! Die Vorsitzende Renate Stejskal erklärte knapp den Ortswechsel von Böckingen ins Willy-Brandt-Haus am Neckar und betonte v.a. die gute Erreichbarkeit mit dem ÖPNV. – Sieghart Brenner berichtete vom politischen Aschermittwoch in Ludwigsburg mit einer beeindruckenden Rede von Martin Schulz und Genossinnen und Genossen, die sich nicht unterkriegen lassen.
Mein Part: Wahlausgang der BTW 2025 und Stellungnahme zu möglichen Koalitionen. Das war mein Auftrag – rechtzeitig bei mir angemeldet … und ich erlebte, dass alle Planung und Vorbereitung im Stundentakt an Bedeutung verloren. Seit 1989 bin ich Mitglied in der SPD, seit dieser Zeit auch Mitglied des Fleiner Gemeinderates und seit 2004 im Kreistag – und machte v.a. zunächst deutlich, wie sehr ich mit mir im Reinen bin, eine DEMOKRATISCHE Partei zu unterstützen und deren Mitglied zu sein und gleichermaßen zu erleben, dass Werte, Überzeugungen, Ziele meiner Generation in den zurückliegenden Wochen an tagesaktuellem Gewicht verlieren, wenn es plötzlich ums Überleben geht. In unserem kurzen Wahlkampf zur BTW 2025 haben wir z.B. als OV Flein-Talheim plakatiert, Flyer verteilt – was gefehlt hat: keine Veranstaltung auf dem Rathausplatz, kein Haustürwahlkampf, keine Aktivitäten, wofür wir stehen und wofür wir uns als Ortsverein mit Überzeugung einsetzen. Stattdessen sind wir überhäuft worden mit Statistiken, mit Wähler-Stimmungen und mit ausführlichen Berichterstattungen, was bei welchem Wahlausgang wie geschehen wird. – Mein Satz dazu: „Die Götter der modernen Welt ist die Statistik. – Leider sehen wir nur das, was wir glauben – und wir glauben nur das, was wir sehen!“ – Trotz aller notwendigen Transparenz und aktuellen Informationen sehe ich auch bedenklich auf die Dynamik „self-fulfilling prophecy”. Mit einem Vergleich “Wahlausgangsprognose 16.2. und Wahlausgang 23.2.” wird deutlich, BSW und FDP – kaum Unterschiede, Linke 2,4 % zugelegt – Grüne im Vergleich minus 1,9 Prozent, SPD plus 1,4 – AfD plus 0,3, CDU minus 2,5 Prozent – was für ein Aufwand, wo wir doch eine Woche vor der tatsächlichen Wahl schon alles – so ungefähr – gewusst haben! – Die Frage bleibt, wie die Fülle von Umfragen das Wahlverhalten beeinflusst – es werden Gewinner gewählt, es wird Stimmung gemacht. – Wir können das gut selber nachspüren: eine Statistik, veröffentlicht in der Zeitung, in den Medien, kann gleich auf unser Lebensgefühl zugreifen, macht schlechte Laune, belastet, obwohl sich gar nichts für uns selber geändert hat oder ändern wird. – Meine eigentliche Aufgabe, sich mit möglichen Koalitionen auseinanderzusetzen, hat vor dem Hintergrund der gesamt weltpolitischen Lage an Gewicht verloren – es geht jetzt nicht mehr um Überzeugung, sondern um politischen Pragmatismus – wir sind nicht mehr in der Lage zu agieren, wir reagieren, auch als SPD – zwischen eigenem Profil und staatspolitischer Verantwortung. – Was mir allerdings – auch keine neue Erkenntnis! – sehr bewusst ist: politische Auseinandersetzung JA – Diffamierung NEIN. Das ist schon schwierig, jetzt wieder an einem Tisch zu sitzen oder sitzen zu müssen – und vorher sich in maß- und grenzenlosen Variationen auseinander genommen zu haben.
Die Presse muss auch nicht jeden Schwachsinn veröffentlichen und Deutungen, wie wer wo auftritt mit welchen Gesten, Blicken, mit welcher Präsenz mag vielleicht spannend sein und einen Hype bedienen, politische Inhalte dürfen aber nie, nie zweitrangig sein. Gruß an alle Redaktionen aller Medien!